Als ich anfing, an einer Hochschule das Schreiben zu unterrichten (einer Hochschule, an der die Studierenden eigentlich das Gestalten lernten), machte ich schnell zwei Entdeckungen. Erstens: Fast alle Studierenden wollten schreiben können. Zweitens: Die meisten von ihnen hatten Angst davor.
Man muss ja aber auch gar nicht mehr schreiben, sagte eine Studentin. Warum, fragte ich, ein wenig verwirrt, ihr müsst doch E-Mails schreiben, Projekttexte und Weihnachtskarten. Nein, sagte die Studentin und sah mich mit einem Blick an, den ich zuerst als beschämt deutete, der mir aber Verblüffung über meine Dinosaurierartige Unkenntnis vermitteln sollte, das mache ich alles mit Chat GPT.
Es war schon 2025, ich war also reichlich spät dran, mir meinen ersten Chat-GPT-Account zu erstellen und mich von der entzaubernden Magie der Sprachlernmodelle deprimieren zu lassen. Nachdem ich mir probeweise ein paar geschäftliche E-Mails, Gedichte und sogar eine einigermaßen ordentliche Kurzgeschichte hatte erstellen lassen, geriet ich in eine Krise. Um meine berufliche Daseinsberechtigung bangte ich nicht, schließlich war mir klar, dass die Menschen nicht nur Texte lesen, sondern auch Autorinnen, und niemand sich für einen maschinell erstellten Essay interessiert. Nur das Konzept für mein Seminar erschien mir plötzlich unzeitgemäß: Warum sollte ich mit jungen Menschen üben, wie man die richtigen Worte findet, ein Gegenüber überzeugt oder einfach die eigenen Gedanken ordnet, wenn sowieso niemand mehr selbst schreiben muss? Wozu schreiben üben, wenn die eh alles mit Chat GPT machen?
Weil eine leise Ahnung es mir nahelegte und weil mir Zeit und Lust fehlten, ein komplettes Seminar neu zu konzipieren, probierte ich mich am Unzeitgemäßen: Ein ganzes Semester lang übte ich mit meinen Studierenden, ins Schreiben zu kommen, Gedanken ein Gerüst zu geben, schlechte Argumente zu erkennen und gute zu entwickeln. Ich half ihnen dabei, die eigenen Texte zu redigieren, Klischees aufzuspüren und eigene Stimmen zu finden. Wir schufen Seitenweise Textmaterial, experimentierten, verschoben, deuteten, verwarfen Wörter und fanden die, die passten. Wir schrieben Projekttexte, Copy, Gedichte und Geschichten, und sogar ein paar stringente E-Mails. (Nur die E-Mails, in denen ich über vergessene Hausaufgaben und nichtbesuchte Sitzungen informiert wurde, die waren immer noch mit KI geschrieben). Wir schrieben wie Menschen, die nicht (mehr) schreiben müssen, und meine Studierenden merkten: Das macht Spaß.
Am Ende des Seminars stand dann das, wovor viele Schreibenden die größte Angst haben (aber nicht haben sollten): Die Feedbackrunde. Ich habe irgendwie keine Angst mehr vor dem Schreiben, sagte eine Studentin – ein Satz, der nach ihr die Runde machte –, ich glaube, ich würde gern weiterschreiben, sagte ein Student. Danke, sagte eine andere Studentin, ich wusste gar nicht, wie gut das tut: einfach anfangen zu können. Sagen zu können, was man sagen will, aber ohne den Druck. Ich tippte ein hoile in mein Telefon und schickte es meiner Freundin. Nach der letzten Sitzung erreichten mich um die 30 Kurzgeschichten, die nicht alle veröffentlichungswürdig waren, aber dafür alle unterschiedlich, eigenartig und voll merkwürdiger Wendungen. Viele meiner Studierenden hatten eine Stimme gefunden, viele einen unverstellteren Zugang zu ihrer Fantasie und ihrer Lust am Text. Das hatte ich nicht kommen gesehen.
Aus meinem Seminar habe ich mitgenommen: KI macht Schreiben nicht überflüssig, es macht Schreiben notwendig. Meine Workshops sind also kein Schreiben in den Nischen, die KI uns Schreibenden lässt. Sie ermächtigen die Teilnehmer:innen zum selbstbewussten Ausdruck, zum Spiel mit der Bedeutung, zum stringenten Argumentieren. Sie helfen dabei, eine eigene Stimme zu finden und das innere Chaos in Sprache zu ordnen.
Schreiben ist Denken und Denken ist Selbstbewusstsein. Deshalb mache ich diese Workshops.